Verrückte Könige

Mit Lee Perry durch die bayerische Heimat

von Wolfgang La Schmetterer

Jahrelang hatten wir es geplant, verschoben, erhofft und wieder fallengelassen, doch nun war es endlich so weit. Wir saßen in Haqs Auto und waren glücklich, auf dem Weg zu einem unserer Kinderträume zu sein. Nach Neuschwanstein wollten wir. Natürlich. Neuschwanstein, der Ort an dem sich Orient und Okzident vereinen, wo Bayern und Japan sich guten Tag sagen. Nirgendwo sonst in der Welt ist Edmund Stoibers geniale Vision von Bayern als Land der Lederlaptophose greifbarer als hier. Millionen kleine gelbe Chips können sich fast nicht irren.

Neuschwanstein, das Märchenschloss eines etwas wunderlichen Märchenkönigs, märchenhaft gelegen zwischen Furchenklamm und Mösel, begrüßte uns an diesem klaren Spätsommertag mit milder Sanftmut. Ein Hauch von touristischem Irrsinn lag in der Luft. Ein Tag, an dem ich zum Beispiel alle Andenkenläden bedenkenlos leerkaufen würde, aus total überdrehter Gedankenlosigkeit. Ein Tag wie ... Scratch Lee Perry, The Original Upsetter, der selbsternannte Madman, der Superape.

Als wir uns mit den überlegenen Dadareimen des Upsetters im Autoradio durch die von Essig- und Ölmalern in mühevoller Kleinarbeit hingekitschte Landschaft schlängelten, gingen uns die Augen auf. Und wir sahen. Wir sahen durch die Landschaft hindurch. Während Lee Perry noch Jah auf Japan reimte und Hongkong, Wall of China hinterherassoziierte, erschien uns der König. Der König!

Da stand er, auf einer hellblauen Wolke, überlebensgroß - König Ludwig II. Er war ganz in Rosa gekleidet! Rosa Strumpfhosen, darüber ein Ton in Ton altrosa Pelzcape und lachsrosa Schnabelschuhe, die am spitzen Ende einen Pompon in Pink aufspießten. Die Hand des Königs ruhte lässig auf dem rosa Gummiknüppel, der an seiner Seite baumelte, die andere Hand tätschelte einen in perlweiße Seide gekleideten Stallburschen. Es schien, als ob er uns etwas sagen wollte. Ludwig öffnete den Mund.

Kiss the Champion, raunte King Perry im Stereo und beinahe hätten wir dem unmißverständlichem königlichen Befehl Folge geleistet und Ludwigs Pompons abgeknutscht, wäre nicht diese verdammte Kutsche vor unserem Auto aufgetaucht. Haq musste scharf bremsen und das Auto kam mit quietschenden Reifen knapp einen halben Meter vor dem Einschlagpunkt zum Stehen.

Wir lächelten. Es ging gar nicht anders. In der Kutsche, die uns soeben zur Vollbremsung gezwungen hatte, saßen sämtliche Mitarbeiter der Abteilung Sales-Europe des ehrwürdigen Yokobishi-Konzerns und lächelten uns milde an. Wir lächelten zurück, grinsten uns die Mundwinkel aus dem Gesicht, winkten, riefen solly, leally solly, heuchelten Verständnis für unsere ausländischen Gäste und ihre Tollpatschigkeit im mitteleuropäischen Straßenverkehr.

Als die Japaner hinter den Bergen verschwunden waren und wir uns mit Lee Perrys Allergic To Lies wieder dem echten Leben zuwandten, war auch Ludwig II weg. Was hätte er uns nicht alles erklären können? Welche tieferen Einsichten hätte uns sein königlicher Rat wohl vermittelt? Endlich hätte es Klarheit über all die obskuren Ungereimtheiten im Leben Ludwigs gegeben. Wir mussten einsehen, dass wir keine Antwort erhalten würden.

Das Schloss haben wir dann trotzdem noch besichtigt. Es war ein finsterer Moment, blacker than dread. Ich kaufte noch einen rosa Fernseher, als Erinnerung.

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