Die falschen Hunde

Von Nadine Lange

Sie war nicht in der Redaktionskonferenz. Warum nur? Sonst kam sie doch immer. Vielleicht war sie krank. Oder auf Recherche. Hoffentlich Recherche. Ja, so musste es sein. Bestimmt gab es da ein irre wichtiges neues Stück, das in Wien uraufgeführt wurde. Das musste sie sicher persönlich übernehmen.

Von der Blattkritik bekam ich fast nichts mit. Außer dem Geschmack des Kaffees drang nichts zu mir vor. Die Themenabsprache war mir auch egal, schließlich machte ich an dieser Tierheimgeschichte rum. Die Sache zog sich jetzt schon über eine Woche hin. Zurück an meinem Platz suchte ich nach einer neuen Idee, wie ich die Vorwürfe meines Informanten überprüfen konnte. Er war Pfleger und hatte mich am Telefon um ein Treffen gebetn. Seine Geschichte war wahnsinnig: Der Leiter des Heims gab angeblich Tiere an Versuchslabors weiter. Der Pfleger hatte sich erst mit ihm angelegt, dann gekündigt. Krasse Sache das. Wäre sofort der Aufmacher. Und ein netter kleiner Skandal. Es fehlten leider die Beweise.

"Hey, die Pitbull-Geschichte geht weiter. Die wollen am Sonntag ´ne Hundedemo auf dem Ku´damm machen. Schreibst du 60 Zeilen für die Zwei?" Der Lokalchef warf mir das Fax zu und war schon wieder draußen. Klasse. Dieser ganze Kampfhundekram ging mir sowas von auf die Nerven. Aber ich war irgendwann mal in diese Tierschiene gerutscht. Animalisches galt als mein Fachgebiet. Da musste ich also durch. Dabei hasste ich Hunde. Schon immer. Dieses Gewinsel und bei Herrchen oder Frauchen am Bein Geklebe fand ich charakterlos. Ich nahm das Fax und ging damit einen Stock tiefer zum Kaffeeautomat. "Wir bellen Euch unsere Meinung..." So ein Quatsch. Wen interessiert das?

Der Becher war voll. Ich ging zurück zur Treppe. Im Augenwinkel sah ich, jemanden von unten hochsteigen, blickte aber nicht auf. Dann hörte ich die Absätze klacken und drehte mich doch um: Alina. Hä? Ich dachte sie ist in Wien. Das ging aber schnell. "Morgen, na wie läuft´s ?", rief sie mir zu. "Ach, das übliche halt. Geht schon. Wo kommst du her?" Fast hätte ich gefragt, wie es am Burgtheater war. Mensch. Völlig neben der Spur. "Habe ein paar junge Talente von der Ernst Busch Schule getroffen. Die hatten irgendwie nur irre früh Zeit. War aber ganz gut." Ich bog in den Großraumkasten der Lokalredaktion ab, sie musste noch weiter, hoch in die Kultur.

Der dämliche Demovorbericht war schnell geschrieben. Aber eine Idee für die Tierheimstory hatte ich immer noch nicht. Vielleicht einfach mal hinfahren. So tun, als ob es um was anderes geht und so ganz nebenbei drauf kommen. Irgendwas musste ich auf jeden Fall bald machen, sonst kamen noch die anderen Zeitungen drauf. Ich wählte die Nummer vom Tierschutzbund. Immer eine gute Sache für den Anfang. Geben auch meistens gute Zitate. Diesmal aber leider Fehlanzeige: Frau Geisberger war im Urlaub. Meine gute alte Hunde- und Katzenretterin. Verdammt. Wenn es nicht läuft, dann läuft es aber auch gar nicht.

Ich wollte an diesem miesen, höhnisch sonnigen Apriltag wenigsten noch irgendwo punkten. Mein ganzer Frühlingselan war völlig gegen die Wand gefahren. Unerträglich. Eigentlich kann man da überhaupt nichts tun, außer Abhaken, ins Bett legen, Video gucken. Aber das hatte ich noch nie eingesehen. Diesmal auch nicht. Also machte ich meine Kiste aus und lief in den dritten Stock. Alina telefonierte. War ja klar. Aber egal. Ich ging zu Simon rüber, der nicht so beschäftigt aussah. Außerdem konnte ich Alina von dort aus im Auge behalten. "Na, wie stehen die Aktien?" "So mittel, habe wieder nicht rechtzeitig verkauft. Selbst?" "Hhmm. Ganz mies. Große Verluste speziell mit dieser Hundefutter AG." Er lachte.

Ich fragte ihn nach der neuen CD von Moloko. Ob er die nicht mal bejubeln könnte in einem Artikel. Fand er nicht so toll. Aber er hätte da gerade wieder einen supergenialen deutschen HipHop-Act entdeckt. Nicht so ein Kommerz-Scheiß. Phänomenal. Das war ja nun gar nicht mein Ding. Ich ließ ihn reden und sah wie Alina den Hörer in die andere Hand nahm. Sie machte sich keine Notizen. Konnte also nicht so irre wichtig sein. "Willste mal reinhören?" Simon hielt mir eine CD hin. Ich nahm sie und schaute höflich das Booklet an. Sah mir doch schwer nach dem üblichen Ich- rappe- dich- an- die- Wand- bis- du- nicht- mehr- kannst- Zeug aus. Halbherzig murmelte ich was von, das sähe ja ganz nett aus, aber ich müsste es nicht unbedingt hören. "Na, dann lies mal meine Kritik. Danach willste sie bestimmt gleich haben." "Ok. Überzeug mich."

Endlich hatte sie aufgelegt. Ich ging rüber und fragte, ob sie was Nettes über die Schauspieler geschrieben hätte. Auf die Antwort achtete ich kaum, weil ich mich auf meinen nächsten Satz konzentrierte. Vorher extra im Kopf ausformuliert. Wahrscheinlich kam er ziemlich unzusammenhängend rüber. Zumindest schaute Alina recht überrascht, als ich sie fragte, ob sie nicht auch irre neugierig auf den neuen Film von Martin Scorsese sei. "Geht so. Sollte man wohl sehen. Ja, doch." Oaaahh. Das war ja eher so im Bereich von Drei minus. Aber jetzt konnte ich auch schlecht sagen, dass es mich eigentlich doch nicht so interessierte. Also, ging es weiter auf der schiefen Bahn: "Na, das trifft sich ja hervorragend. Wollen wir ihn uns heute zusammen ansehen?" Am Schreibtisch gegenüber hörte das Tastengeklacke auf. Martina, die Literaturredakteurin war wohl doch nicht so vertieft gewesen, wie ich gedacht hatte. Oder fiel ihr nur gerade nichts mehr ein? Alina schwieg einen Moment. In der Zeit spulte ich im Kopf zurück und hörte mir meinen dynamisch vorgetragenen Satz nochmal an. Klang wirklich sehr nach Anmache. Nur ganz knapp unter dem Niveau von "Haben wir uns nicht schon mal irgendwo gesehen?" Vollkommen daneben.

Bisher waren wir höchstens mal zusammen zum Mittagessen in die Kantine gegangen. Alles eher zufällig. Und jetzt polterte ich hier so rum. Daran waren nur diese ganzen Hunden Schuld. Ja, und der Tierheimleiter natürlich. Martina hatte ihren Faden wohl wiedergefunden. Mit drei Fingern prügelte sie weiter auf die Tastatur ein. Normalerweise mag ich solche Laut-Schreiberlinge nicht. Das klingt immer so nach: Hört nur, wie kreativ ich bin. Man kann auch leicht auf die Buchstaben drücken, sie wollen alle gerne auf den Bildschirm, echt. Jetzt war ich aber froh, dass Martina zu den Hackerinnen gehörte. Alinas Antwort würde dadurch nicht so erbarmungslos in die Stille knallen. "Eigentlich wollte ich heute abend mal einen ganz Ruhigen machen..." "Ja, klar. Verstehe ich..." "..aber Kino ist eigentlich nicht so sehr unruhig. Ok, gut. Wo läuft er denn?" Schon verloren und dann doch gerettet. Super. Wie ein Tor in der 90. Minute. Ich nahm mir schnell eine Zeitung und schaute in den Kinoanzeigen nach.

Viel zu früh war ich am Moviemento. Ich besorgte die Karten und stellte mich vor die Schaukästen am Eingang. Mein Jubel aus der Schlußminute war von einer zappeligen Nervosität verdrängt worden. Dauernd dachte ich an diese unglaubliche Szene aus "Taxi Driver" in der Robert DeNiro Cybill Sheperd endlich dazu bringt, mit ihm auszugehen. Er läd sie ins Kino ein und ist doch tatsächlich so vollkommen bescheuert, einen Pornofilm auszusuchen. Ich glaube, es war ein schwedischer oder ein italienischer. Wahnsinn. Dann erzählt er auch noch, dass viele Paare sich sowas ansehen. Hey, Mann ihr seid kein Paar! Du bist noch gar nichts für sie! Wie blöd kann man sich denn anstellen? Ok, ganz so schlimm stand es um mich nicht. Wir gingen ja in einen respektablen Film und Nicolas Cage mögen doch eigentlich immer alle Frauen. Das beruhigte mich natürlich kein Stück. Ich ging rein, um mir ein Bier zu kaufen. Sicher würde sie auch eins wollen. Oder doch lieber eine Cola? Ich wusste es nicht und ging wieder raus. Zum Glück kam Alina kurz darauf an. Konzentration jetzt. Nicht das dümmliche Grinsegesicht aufsetzen. Die Begrüßung lief unverhofft locker. Wir gingen rein und sie kaufte noch ein Bier. Ich nahm auch eins.

Nicolas Cage bekommt während des Films immer dunklere Augenringe. Einmal sehen sie sogar blutig aus. Er spielt einen Rettungssanitäter in New York, dem alle seine Patienten sterben. Das macht ihn völlig fertig, langsam dreht er ab. Ich überlegte bei jeder Szene, ob sie Alina wohl zu heftig, zu übertrieben oder zu irgendwas sei. Von der Bühne war sie sowas sicher nicht gewöhnt. Oder doch? Ich ging ja nie ins Theater. Vielleicht sollte ich das mal ändern. Sie könnte mir ja eine kleine Einführung geben. Dabei würde ich sicher noch weniger aufpassen als jetzt. Verdammt. Was war das? Ein Drogendealer hing plötzlich wie ein gekreuzigter Jesus in einem Gitter. Um ihn rum sprühten Funken. Das war ihr jetzt aber ganz sicher zu pathetisch. Überhaupt: was sollten bloss diese ganzen Bibelanspielungen? Meine Hände schwizten erst die Eintrittskarte voll, dann das abgerissene Bieretikett. Endlich, endlich durfte Nic sich in den Armen von Patricia Arquette ausruhen und der Abspann rollte über die Leinwand.

Den kritischen Moment, wenn man wieder auf der Straße steht und sich fragt, wie es weiter geht, hatte ich vorher schon im Kopf durchgespielt. Also fragte ich sie, ob sie noch Lust auf ein Bier hätte. Ich würde da eine ganz okaye Kneipe gleich hier in der Nähe kennen. Diesmal war ich zufrieden mit dem Satz, denn er klang auch beim Zurückspulen hübsch beiläufig. Leider stimmte aber diesmal das Timing nicht so ganz. Alina war noch nicht da wo ich war: Sie holte erstmal eine Zigarette aus ihrer Handtasche und zündete sie an. Diese Raucher-Atempausen vergaß ich immer. Sie verlangsamten alles. Eigentlich eine schöne Sache, aber ich kam dadurch gerade völlig aus dem Konzept. Mist. Wieviele halbgute und schlecht platzierte Sätze konnte ich mir noch leisten? Dafür hat ja jeder Mensch ein individuelles Maß. Wenn es überschritten wird, verschließen sich Ohren und Herz. Gute Sätze am richtigen Ort können dagegen alles verändern. Es gibt Leute, die bezweifeln das. Sie sagen, es käme nur auf den Ausdruck beim Sprechen an. Kann auch sein. Alina nahm zwei Züge. Sie sah bezaubernd aus dabei. Ohne ihre Brille konnte ich auch endlich mal direkt in die dunkelbraunen Augen schauen. Die sahen ein bisschen müde aus. Mehr erzählten sie mir nicht. "Gut, das ganze Drama muss eh noch ein bisschen sacken," sagte dann endlich der ungeschminkte Mund.

Die Bedienung stellte zwei volle Gläser vor uns auf den Tisch und zum ersten Mal an diesem Abend löste sich ein bisschen meine Spannung. Ich sagte ohne nachzudenken "Prost!". Sicher verzog ich dabei mein Gesicht ganz fürchterlich, aber es war mir egal. Ich freute mich über die Kühle des Biers in meiner Speiseröhre. Alina hatte der Film ganz gut gefallen. Nur die Musik fand sie furchtbar. Ohne Konzept, einfach irgendwas drunter gelegt, meinte sie. Mir war das gar nicht so aufgefallen. Ich hatte überhaupt keine Meinung zu dem Film, weil ich dauernd nur an sie gedacht hatte. Das hemmte das Gespräch doch sehr und als es mir auffiel, wechselte ich das Thema. Wir kamen schnell auf die Arbeit. Bald waren wir in einer unserer belanglosen Kantinenunterhaltungen.

Meine allerletzte Chance war also die Verabschiedung. Ich hatte mir auch dafür was überlegt: Superkühn lud ich sie ein zu einer Dampfbootfahrt auf der Havel, die ich mit ein paar Freunden mitmachen wollte. "Ist mit Brunch und Jazzmusik. Echt witzig. Du kennst auch den Andreas, der war mal Praktikant bei uns. Wird sicher schön. Würde mich freuen, wenn du mitkämst." Die besten Sätze seit langem. Ich war unendlich stolz. Sicher hatte das Bier ein bisschen geholfen. Aber was war das? Alina schüttelte leicht ihren Kopf und sagte: "Danke. Aber am Sonntag habe ich schon was vor. Mein Freund und ich gehen auf eine Demo." Sie hatte einen Freund? Nein. Nein. Das wusste ich gar nicht. Mein Gott. Konnte noch nicht lange sein. Letztens hatte mir Martina doch noch was von einem Frauen-Single-Treffen erzählt, wo sie zusammen hingegangen waren. "Oh, das ist aber schade. Was für ne Demo ist das denn?" "Ach, es geht um diese schwachsinnige Anti-Pitbull-Kampagne, die da gerade läuft. Weißt du ja. Is ja dein Thema. Jedenfalls wollen Peter und ich mit Rolando da hingehen. Rolando ist supergut erzogen. Ein tolles Tier. Das darf nicht kriminalisiert werden. Deshalb gehen wir am Sonntag auf dem Ku´damm demonstrieren." Sofort aufhören. Das waren definitiv zu viele zu schlechte Sätze auf einmal. Und dann auch noch so erregt vorgetragen. Den ganzen Abend war sie kein einziges Mal derart in Fahrt gekommen. Meine Ohren und mein Herz machten dicht. Morgen würde ich nicht zur Redaktionskonferenz gehen.

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