eXistenZialismus

von Günter Hack

Jean-Paul Tartre hätte sich schwer über die von Grund auf verrotteten und angefressenen Morbiditäten des David Cronenberg in dessen spaßigen Thriller "eXistenZ" amüsiert. Zunächst, jedenfalls. Dann hätte er bestimmt angeführt, daß das Drehbuch um einiges intelligenter war als das des irgendwo rivalisierenden Virtual-Surreality-Flicks "The Matrix", wobei letzterer jedoch um einiges besser mit finanziellen Mitteln zu dessen Realisierung ausgestattet gewesen sei. Als internationaler Superphilosoph und Jet-Set-Künstler hat Tartre selbstverständlich recht.

Der Plot ist dabei schon längst in den einschlägigen Kreisen penetriert, also lassen wir das Gefasel über biologische Computerspielhardware, die sich über eine Nabelschnur in die Wetware des Spielers einklinkt. Diese prinzipiell äußerst clevere Idee wird zu Beginn des Films auch konsequent als Spannungsmoment eingesetzt, man steigt gleich recht dynamisch in die Geschichte ein, die unaufdringliche und intelligente Kameraführung unterstützt die Storyline, intelligente Schnitte und smarte visuelle Brücken (Held knallt in einer Einstellung mit der Stirn auf eine rote Tischdecke / Schnitt / Sein Kopf liegt in der nächsten Simulationsebene auf einem Bettbezug aus dem selben roten Stoff) kennzeichnen den Wechsel zwischen den verschiedenen Realitätsebenen, der Cronenberg einzig und allein mit den allertraditionellsten Mitteln des Films gelingt - und das wesentlich überzeugender als den Wachowskis mit ihren millionenschweren Computergimmicks.

Das Geld, das in die Entstehung der "Matrix" geflossen ist, wäre bei Cronenberg in wesentlich besseren Händen gewesen. So merkt man seinem Film leider eine drastische Unterfinanzierung an, die vor allem entgegen dem unerwartet schwachen Ende des Werks immer offensichtlicher wird. Die Revolutionsszene in der Skifahrersiedlung mutet mit ihren Chinaböller-Explosionen und der unbeholfenen Schauspielerei der marodierenden Troupiers eher an wie eine Schultheater-Aufführung eines RAF-Schwanks als daß sie überzeugend Gefährlichkeit, Bedrohung oder auch nur unterschwellige Dynamik vermitteln könnte. Der Film kippt irgendwo in der Mitte um, und zwar just während der zentralen Ereignisse in der Forellen-Farm, in der - Spiel im Spiel im Spiel - die biologischen Bestandteile der Computerspiel-Module aus Organen und Nervensystemen mutierter Amphibien gewonnen werden. Jude Law, der als Marketingexperte-con-Bodyguard Ted Pikul eine recht gute Figur macht, schnippelt die Biester routiniert auf, Blut spritzt in alle Richtungen und alles ist schön eklig. Spätestens ab hier überdeckt und ersetzt der Ekel die zu Beginn des Films so sauber aufgebaute Atmosphäre. Überall sind nur noch zuckende Froschschenkel, feuchte Tentakel und schwärend-verseuchte Protoplasma-Blobs zu sehen, welche von den Protagonisten abwechselnd zerstückelt, zerhackt, aufgefressen oder mit dem Flammenwerfer verkohlt werden. Anfangs nett anmutende Ideen wie die von der Pistole, die aus Knochen besteht und Backenzähne als Munition verschießt, werden im Einsatz überstrapaziert. Der Wechsel von Simulations- auf Meta-Simulations- und schließlich wieder durch die Simulation zurück auf Realitätsebene werden unmotivierter und holpriger, und verfehlen dabei weit die Qualität einer soliden Philip-K.-Dick-Paranoia oder etwa den kalkuliert verwirrenden Zeitsprüngen in "Twelve Monkeys". Dennoch sind sie besser gelungen als in "The Matrix", wo - entgegen der landläufigen Meinung - mit dem Thema "Simulation" bestenfalls auf Teletubbie-Niveau umgegangen wird: "Winkewinke! Hier ist die simulierte Welt! Uh-Oh! Hier kommt die Simulatio-hon!"

Trotz seiner dramaturgischen, atmosphärischen und ausstattungstechnischen Probleme gegen Ende, kann der Besuch von "eXistenZ" durchaus empfohlen werden. Im Gegensatz zu "The Matrix", dem Darling aller 16jährigen SuSE-Linux-6.3-Installateure, wird dem Publikum keine Magermilch-Version von Baudrillards debilen Simulationsthesen mit Hilfe sämtlicher verfügbarer Computertricks daumendick auf die Netzhaut geschmiert, es wird vielmehr eine solide Geschichte erzählt, in der nicht die Technik, sondern ihre Benutzer gerade noch im Vordergrund stehen. Bei Cronenberg haben selbst die Nebengestalten wie der von Willem Dafoe schön fies gespielte Auto- und Biomechaniker Gas mehr Tiefe als die Comicfiguren der Wachowskis mit ihren Nulltarif-Handies. Die dämlichen Sex-Analogien beim Bio-Einstöpseln amüsieren den europäischen Zuschauer, der amerikanische Freud sich dabei. Und so sind alle beinahe glücklich.

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