De-Bugging the De-Bugs

Von Günter Hack

Gestern offlinebrowste ich mal wieder ausgiebigst durch einen Kiosk, dabei fiel mir eine Zeitung ganz besonders auf, die ich vorher nur flüchtig aus dem Netz kannte: De:Bug, eine Produktion aus der Berliner Techno-Szene. Schon das Format war ungewöhnlich. Szeneblätter kommen nicht als Zeitung daher, sondern als Zeitschrift oder Flugblatt. Kleiner. "Umso interessanter", dachte ich.

All der Platz! Das dreckige Papier! Der wunderbare Wegwerfcharakter! Allein das Format also ein rechtschaffener Novelty-Faktor. Daraus läßt sich was machen! Auch der Themenkomplex sehr anziehend: Technologie, Lebensstile und Musik. Nette Autoren mit interessanten Artikeln. Ganz nach meinem Geschmack. Theoretisch. Und dann noch der ultimative Luxus der durchgehenden Vierfarbigkeit zum Preis von 4 Mark 80! Oh, heilige Opulentia!

Auf der De:Bug-Homepage findet man weitere Informationen. Daß das Projekt früher "Buzz" hieß und wegen lizenzrechtlicher Probleme umbenannt werden mußte. Daß das Design der Publikation allgemein positive Resonanz... Und da haben wir es auch schon, das erste Problem.

Das Design dieser Zeitung ist ein Problem.

Ich meine nicht die leicht neo-brodyeske Typographie, die sehr stark an die Arbeiten des Meisters für den ORF erinnert. Sondern die Tatsache, daß diese ganze Zeitung so aussieht wie eine gottverdammte Web-Page! Fehlte nur noch, daß die Jungs einzelne Schlagwörter unterstreichen! Man kann dem Designerhirn wirklich beim Ticken zusehen.

Hier den Table-Tag auf... Bild rein... Pastellhintergrundfarbe an und aus. Mutet ja wirklich funky an, muß man schon sagen. Leider sorgen die durch das miese Zeitungspapier stets leicht zusiffenden Farben nicht unbedingt für mehr lesefreundlichen Kontrast mit der zumindest im kursiven Schnitt für solche Zwecke zu fragilen... Caslon, glaube ich, ist das.

Das aseptisch-starre Layout-Raster läßt dem Text keine Chance zu atmen. Strenge Kolonnen, unterlegt von Schlammfarben, quälen sich da übers Papier, wo noch viel Raum wäre, wird er nicht genutzt, sondern einfach hilflos frei gelassen.

Liebe Schwarze Rollkragenpullover!

Quark XPress bietet speziell seit der Version 4.0 (die ich wegen diesem saublöden Dongle sowieso hasse) definitiv mehr Möglichkeiten, als einfaches Nebeneinandersetzen von Textblöcken. Es muß ja nicht gleich in diesen unsäglichen Carsonismus à la "Print is Dead" und "Ich setz' diesen Artikel mal eben in Zapf Dingbats" ausarten, aber etwas mehr als Web-Tabellenwüsten, kann man ja doch noch bringen, oder?

Mehr Futurismus, s.v.p.! Ihr dürft, denn wir sind ja unter uns! Kein greiger Art-Director ist da, der Euch nach Neo-Ulm zurückreduzieren will! Was auf der De:Bug-Website unter den Beschränkungen des Web gut ist, das ödet auf Papier an und funktioniert einfach nicht.

Auch die Fotos: Problematisch. Von sehr guten Fotografinnen und Fotografen gemacht, hätten sie Kunstdruckpapier verdient gehabt. Oder das Web. Da ist er, der Knackpunkt. De:Bug ist eine native Web-Produktion, also gehört sie ins Web! Vielleicht ist es dieser leicht fade Geschmack des losenden Fanzines, das sich ins Web rettet, das die De:Bug-Macher ihre Publikation auf Papier zwingen läßt.

Die Zielgruppe ist ganz und gar im Netz.

Die Artikel passen zum Netz. Das Design wäre im Web so gut und effizient, wie es auf Papier langweilig ist. Dennoch ist es doch anrüchig, das Web, nich' wahr? Design gehört ja doch ordentlich gedruckt.

So aber sendet De:Bug ein Signal, das mich als Netz-Menschen schaudern läßt. Denn die De:Bug-Macher glauben in letzter Konsequenz nicht ans Netz. Wieso sollen dann all die dummen Publishing-Megacorporations vernünftige Produkte hervorbringen? Wenn schon die native Netz-Intelligentsia aufs Papier flüchtet! Das mag ja bei all diesen Publikationen mit ihren obligatorischen "@"-Zeichen im vielfach geschützten Markennamen noch angehen. Nicht aber bei einem Blatt, das Web- und Computer-Savvy sein will.

Eine Lehre ziehen wir aus De:Bug: Zum erfolgreichen Cross-Publishing gehört mehr, als leises Imitieren des einen Mediums im anderen. Und überhaupt: Was, zum Kuckuck, sind "elektronische Lebensaspekte"??? Batteriebetriebene TCP/IP-fähige Funk-Digital-Wecker aus dem "Conrad"-Katalog?