Mehr Bier
In meinem Kühlschrank
war immer kaltes Jever, es gab bei mir keine Vitrine mit Bouletten und auch mein
Senf ist sämig, wie Senf sein sollte, und nie mittelscharf. Deswegen gab es keinen
Grund, etwas anderes zu tun als immer an diesen Stätten des hemmungslosen Neuköllner
Vergnügens vorbeizugehen, festzustellen "Dort drin sieht es sehr braun und fettig aus,
bloß schnell weg hier" und sich zuhause dem kühlen Jever zu widmen. Dafür suchte ich
gerne und häufig meinen großen zweistöckigen Supermarkt auf, der ein Interspar war,
bis aus ihm ein Wal-Mart wurde. Mein Interspar/Wal-Mart erregte auch den Neid von
Besuchern, die im Prenzlauer Berg wohnten, weil sie ja alle nur Bars bei sich um
die Ecke hatten und nie Supermärkte, und wenn es irgendwo doch einen Supermarkt gab,
verkaufte er nur sehr begrenzt Dinge, die man brauchte.
Wo konnte man denn sonst Sonntag früh um sechs von einem seiner türkischen Nachbarn
geweckt werden, der aus dem Fenster die Tauben anbrüllte, weil es Sommer war und
die Tauben das machten, was Vögel im Sommer immer machen, nämlich zu nachtschlafender
Zeit markerschütternden Lärm? Und wo sonst wäre der ungehalten schreiende Nachbar mit
den Worten "Halt doch endlich´s Maul, det is Natur, du Arschloch!" von einem informierteren
Nachbarn sanft zurechtgewiesen worden? Doch nur in Neukölln, und derlei Dinge machten mich
immer in mich hineingrinsen, daß ich an ihnen Anteil haben durfte.